Von den Flambauen zur Großfackel



Bei diesen poetischen Ergüssen über den Fackelzug ist es geblieben. Sie wurden ins Liederbuch des Neusser Bürger-Schützen-Vereins aufgenommen und sind noch jahrelang gesungen worden, und zwar auch noch, als mit der Erbauung der Tonhalle am Windmühlenturm im Jahre 1858 der Fackelzug hier begann und endete. Wir haben nämlich Drucke des Liederbuches aus späteren Jahrzehnten, die das Fackellied, obwohl der Text stellenweise überholt ist, noch erhalten. Da aber die Schützen sich nicht mehr „droben“ im Kaufhaussaal versammelten, sondern in der Tonhalle, sangen sie jetzt: „Gleich in dem gefüllten Saal greift zum vollen Weinpokal!“ Ob sie auch an der Tonhalle, übrigens ein in Holzbauweise errichteter Saal, bei dem Brauch geblieben sind, die Fackeln zum Fackelbrand zusammenzuwerfen, ist nicht überliefert. Nach dem Programm von 1865 wurde in diesem Jahre noch auf dem Markt das Fackellied angestimmt, bevor die Schützen zur Tonhalle weiterzogen.

Um diese Zeit wird im niederrheinischen Brauchtum eine andere Sitte heimisch, nämlich, am Vorabend von St. Martin mit den Kindern einen Lichterzug zu veranstalten. Zu den sicherlich anfangs noch bescheidenen oder primitiven Lampen wie aus gehöhlten Rübenknollen, in die man eine Kerze steckte, traten Lampions und Laternen in vielerlei Formen, wobei wir offen lassen wollen, ob es sich um selbstgebastelte oder bereits um gewerbsmäßig hergestellte Fackeln handelte. Mit diesem Brauch freundeten sich auch die Schützen an, auch sie gingen zu Lampions und Laternen über und verzichteten auf die abscheulich qualmenden Wachs- oder Pechfackeln. Im Jahre 1885 berichtete die Neußer Zeitung von einem „Fackelzug, welcher, wie das der Fortschritt der Zeit mit sich bringt, mit all den bunten vielgestalteten Ballons von Jahr zu Jahr schöner und mannigfaltiger wird,“ – unter Ballons sind ohne Zweifel kugelförmige Lampions zu verstehen.

Hinzu traten im Laufe der Zeit selbstgebastelte Transparente, die sich auf einer Stange oder von zwei Mann tragen ließen, anspruchslose Gebilde, die in Wort und Bild, oder auch mit beiden, den Zug anzeigten, dem sie vorangetragen wurden, oder irgendetwas oder irgendeinen darstellten oder auch karikierten.
 
 
 
 
 
 
 
Um die Jahrtausendwende, aber noch vor dem ersten Weltkrieg bemühten sich Schützen, mit größeren Transparenten oder Fackeln in Erscheinung zu treten, mit solchen, die von vier Mann getragen oder schon auf Rädern bewegt wurden. Als Lichterquellen dienten immer noch nur Kerzen, daher blieb die Wirkung beschränkt. Viele Fackelbauer kannten dies noch in den 20er und Anfang der 30er Jahre nicht anders, und wir entsinnten uns, dass einige den zaghaften Versuch machten, mit einem Fahrrad-Dynamo die Lichtverhältnisse aufzubessern. Aber die Kurbelei- das Marschtempo und eine Koppelung an das Fahrgestell reichte nicht zur Stromerzeugung, deshalb der Handbetrieb – war man sehr schell leid.


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