Das Neusser Grenadierkorps sucht funktionstüchtige Fackelgestelle. Meldungen an den Hauptmann. Einen aktueller Plan unserer Fackelbauhalle (Stand Juni 2019) ist hier zu finden.

Von den Flambauen zur Großfackel

Ein Kapitel schützenfestlichen Brauchtums in Neuss

Eines der faszinierendsten Bilder und Erlebnisse bei einem rheinischen Volksfest bietet der sogenannte Fackelzug des Neusser Schützenfestes, der am Samstagabend den Reigen der Umzüge einleitet und zwischen vielen bunten Lichtergruppen die von den Schützen in wochenlanger Arbeit hergestellten fahrbaren Großfackeln vorführt, in ihrer Art Kunstwerke und handwerkliche Meisterleistungen aus Holz und Draht, aus Papier und Farbe, deren Licht und Bewegung zur rechten Wirkung verhelfen.

Dieser einmalige und eigenartige Brauch, ein Fest mit einem Fackelzug einzuleiten, bei dem die Schützen Lichter tragen und Transparente in den verschiedensten Formen und Abmessungen mit sich führen, geht zurück auf den bereits „Fackelzug“ genannten Umzug, mit dem die Neusser schon in den ersten Jahren ihres 1823 eingeführten Schützenfestes neuer Prägung das Fest eingeleitet haben, um in einem ursprünglich tieferen Sinn auf diese Weise mit dem Feuer Licht und damit „helle Freude“ in die Stadt u tragen. „In die Stadt“ ist ganz wörtlich zu nehmen, denn der Zug versammelt sich draußen vor dem Obertor in einem auf einer Ahnhöhe gelegenen Garten- und Festlokal, im Eickerschen Gartenlokal, später auch Gütchen und Deilmanns Bellevue genannt. Die Teilnehmer trugen Flambauen, wachs- oder teergetränkte Fackeln, – die Flambau ist sprachlich ein mundartlich umgefärbtes Französisch, das die Fackel als flambeau, gesprochen flambo, bezeichnet, mit Betonung der zweiten Silbe.

Schon auf dem ältesten Festprogramm, das gedruckt überliefert ist, dem Festprogramm von 1829, wird ein Fackelzug angekündigt, mit dem zugleich der Königsvogel durch die Stadt rundgetragen wurde, ein Brauch, den die Neusser noch Jahrzehnte beibehalten haben. Dieser Zug geriet sogar in das Feld lokaler Poesie. Ein dichterisch veranlagter Zeitgenosse, der das Schützenfest in gefühlvollen Versen besang, hat darin auch den Fackelzug ein Denkmal gesetzt.

Also schrieb er an einen Freund:

Vernimmst du Donner-Gebraus und Getümmel,
blickst über der Stadt röthlichem Himmel,
so laß dir dies kein Schrecken einjagen,
es sind Fackeln die Menge, von Schützen getragen,
die flammend hoch lodern den Himmel hinan
und feurig roth färben die Sternen-Bahn.
Sie begleiten den Vogel mit Freunden-Gesänge,
und Musik ertönt aus jubelnder Menge
etwas holprig, aber immerhin

Nun, ein Großfeuer war es gerade nicht, das den Himmel rötete. Wir dürfen annehmen, dass sich etwa neunzig bis hundertzwanzig Schützen an dem Fackelzug beteiligten. Die Vereinsmitglieder waren zur Teilnahme nicht verpflichtet, sollten sich jedoch vorher in eine Liste eintragen, damit der Schatzmeister wusste, wie viel Flambauen er besorgen musste.

In jenen Zeiten war es auch Brauch, zum Ende des Fackelzuges die Fackeln auf dem Markte zusammenzuwerfen und abbrennen zu lassen, wobei die Zeugteilnehmer sich im Kreise um das Feuer scharten. Für diesen Akt dichtete ein Komiteemitglied, der Notar Friedrich Graeff, eigens ein Fackellied, das 1833 zum ersten Male erklang. Die erste Strophe lautete:

Brüder! Schlingt ein traulich Band
Um den heren Fackelbrand!
Singt im vollen Jubelchor
Vivat hoch der Schützenflor!

Jubel und Vivatrufen flossen den Lokalpoeten seinerzeit leicht in die Feder. Mit der sechsten und letzten Strophe leitete der dichtende Notarius über zur nächsten Veranstaltung, zur früher üblichen letzten Generalversammlung, die im Kaufhaussaal am Markt stattfand:

Unser Heerd ist ausgebrannt.
Eilet weiter Hand in Hand!
Droben im gefüllten Saal
greift zum vollen Weinpokal!

Bei diesen poetischen Ergüssen über den Fackelzug ist es geblieben. Sie wurden ins Liederbuch des Neusser Bürger-Schützen-Vereins aufgenommen und sind noch jahrelang gesungen worden, und zwar auch noch, als mit der Erbauung der Tonhalle am Windmühlenturm im Jahre 1858 der Fackelzug hier begann und endete. Wir haben nämlich Drucke des Liederbuches aus späteren Jahrzehnten, die das Fackellied, obwohl der Text stellenweise überholt ist, noch erhalten. Da aber die Schützen sich nicht mehr „droben“ im Kaufhaussaal versammelten, sondern in der Tonhalle, sangen sie jetzt: „Gleich in dem gefüllten Saal greift zum vollen Weinpokal!“ Ob sie auch an der Tonhalle, übrigens ein in Holzbauweise errichteter Saal, bei dem Brauch geblieben sind, die Fackeln zum Fackelbrand zusammenzuwerfen, ist nicht überliefert. Nach dem Programm von 1865 wurde in diesem Jahre noch auf dem Markt das Fackellied angestimmt, bevor die Schützen zur Tonhalle weiterzogen.

Um diese Zeit wird im niederrheinischen Brauchtum eine andere Sitte heimisch, nämlich, am Vorabend von St. Martin mit den Kindern einen Lichterzug zu veranstalten. Zu den sicherlich anfangs noch bescheidenen oder primitiven Lampen wie aus gehöhlten Rübenknollen, in die man eine Kerze steckte, traten Lampions und Laternen in vielerlei Formen, wobei wir offen lassen wollen, ob es sich um selbstgebastelte oder bereits um gewerbsmäßig hergestellte Fackeln handelte. Mit diesem Brauch freundeten sich auch die Schützen an, auch sie gingen zu Lampions und Laternen über und verzichteten auf die abscheulich qualmenden Wachs- oder Pechfackeln. Im Jahre 1885 berichtete die Neußer Zeitung von einem „Fackelzug, welcher, wie das der Fortschritt der Zeit mit sich bringt, mit all den bunten vielgestalteten Ballons von Jahr zu Jahr schöner und mannigfaltiger wird,“ – unter Ballons sind ohne Zweifel kugelförmige Lampions zu verstehen.

Hinzu traten im Laufe der Zeit selbstgebastelte Transparente, die sich auf einer Stange oder von zwei Mann tragen ließen, anspruchslose Gebilde, die in Wort und Bild, oder auch mit beiden, den Zug anzeigten, dem sie vorangetragen wurden, oder irgendetwas oder irgendeinen darstellten oder auch karikierten.

Um die Jahrtausendwende, aber noch vor dem ersten Weltkrieg bemühten sich Schützen, mit größeren Transparenten oder Fackeln in Erscheinung zu treten, mit solchen, die von vier Mann getragen oder schon auf Rädern bewegt wurden. Als Lichterquellen dienten immer noch nur Kerzen, daher blieb die Wirkung beschränkt. Viele Fackelbauer kannten dies noch in den 20er und Anfang der 30er Jahre nicht anders, und wir entsinnten uns, dass einige den zaghaften Versuch machten, mit einem Fahrrad-Dynamo die Lichtverhältnisse aufzubessern. Aber die Kurbelei- das Marschtempo und eine Koppelung an das Fahrgestell reichte nicht zur Stromerzeugung, deshalb der Handbetrieb – war man sehr schell leid.

Dann machte sich schon bald auch beim Neusser Fackelbau der Fortschritt der Technik bemerkbar. Die Großfackeln wurden immer stattlicher, technisch immer ausgefeilter, sie wurden immer beweglicher und schließlich auch mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet, für die man Batterien einbaute. Damit war eine Perfektion erreicht, die heute aus dem Fackelzug nicht mehr wegzudenken ist und kein Fackelbauer mehr entbehren will: Batterien ge
hören jetzt zur Grundausstattung jeder Großfackel und werden ihres Gewichtes wegen oft in eigenen Behältern bei der Fackel mitgefahren, mit der sie durch Kabel verbunden sind.

Die Entwicklung in den letzten dreißig Jahren hat gezeigt, dass die Söhne und Enkel sich als gelehrige Schüler der Väter und Großväter bewährt haben, und dass ihre Kunst nicht in Vergessenheit geraten ist. In vielen Wochen vor dem Fest gehen die Schützen an die Arbeit. Handwerklich und technisch versierte Zugmitglieder und Freunde, Tüftler und geschickte Hände sind dabei besonders gefragt. Die Ideen werden zumeist in Zugversammlungen geboren oder besprochen, und es ist kein Geheimnis, dass die Züge darin sehr eigenwillig sind, – auch diese ihre Gedanken wüssten sie gern zollfrei behandelt. Sie wissen aber auch, dass ihnen in mehrfacher Hinsicht Grenzen gesetzt sind, sie sollen keinen Ärger machen, der ihnen und anderen die Freude verdirbt, was natürlich nicht ausschließt, dass sie kräftig auf die Schippe nehmen, was nur auf die Schippe zu nehmen ist. Grundgedanken und Aufbau halten die Fackelbauer möglichst lange geheim. Dadurch wird nie zu verhindern sein, dass, was schon öfter kritisch angemerkt wurde, Doubletten entstehen oder noch mehr Großfackeln dasselbe Thema behandeln; aber dann lässt man sich damit trösten, dass die Ausführung doch sehr verschieden sein kann.

Die Stunden des Planens, Bauens und Bastelns finden die Freunde immer in einer Vorfreude zusammen, die ihnen auch etwas wert ist und sie für die vielen Stunden, die sie in ihrer Freizeit opfern müssen, entschädigt. Gelegentlich sind auch Ortbesichtigungen notwendig, wenn sie sich zum Beispiel Maße vorgenommen haben, die zu der Überlegung zwingen, ob sie mit ihrer Großfackel in dieser oder jenen Straße die Kurve kriegen. Grenzen sind in der Höhe gesetzt: sie muß die Oberleitung der Straßenbahn respektieren. Antriebsmittel ist bei den meisten Großfackeln immer noch die Muskelkraft der Zugmitglieder, manche Züge, die besonders monströse Fackeln vorführen, haben auch schon Gabelstapler eingesetzt. Die Schieber im Handbetrieb wissen am Ende des Fackelzuges, was für eine Strapaze sie hinter sich haben, auch noch, nachdem alle Marschstraßen stoß- und rumpelfrei geebnet sind.

Ein Problem, das wahrscheinlich nie in den Griff zu bekommen ist, liegt in der Beschriftung der Großfackeln, über die man sich schon unzählige Mal mit Komitee und Korpsführern unterhalten hat. Die Beschriftung der Großfackeln soll nicht zu tief liegen und nicht nur von der ersten Reihe der Zuschauer zu lesen sein, damit der Betrachter erfasst, was gemeint ist. Sie soll verständlich sein und nicht geheimnisvoll, da das Marschtempo zu Deutungen keine Zeit lässt, – kurzum, auch die Beschriftung soll so gehalten sein, dass die Wirkung der Fackel nicht geschmälert, sondern eher verdeutlicht und unterstützt wird. Besondere Schwierigkeiten ergeben sich, wenn der Zug sich der Mundart bedient, die ja noch lange nicht jeder am Straßenrand kapiert, und wenn sie dann auch noch in einer Form erscheint, die eher befremdend als erklärend wirkt, – Mundart sprechen und Mundart schreiben ist eben zweierlei.

In den letzten Jahren hat es sich eingebürgert, dass vor dem Schützenfest noch sogenannte Fackelrichtfeste eingeschoben werden. Dabei ist Gelegenheit gegeben, den fleißigen Fackelbauern zu danken und anerkennende Worte zu sagen, Schützenkönig Komitee, Korpsführer, Freunde und Mitmarschierer lassen sich den Abend nicht entgehen, um eine weitere Vorfreude zu genießen, auch wenn sie vielleicht bei einem Blick hinter die Kulissen ihr mehr oder weniger gelungenes Konterfei entdecken in einem Zusammenhang, dessen volle Wirkung sie erst am Samstagabend des Schützenfestes bei Licht genauer besehen dürfen.

Im übrigen waren und sind die Fackelthemen weit gespannt. Man hat sich stets nicht auf Ereignisse oder Erlebnisse im kleinen Kreis des fackelbauenden Zuges, im Korps, in der Nachbarschaft oder in der Stadt oder auf dem Schützenfest beschränkt, man hat seine Themen aus dem Alltagsleben herausgegriffen und ist auch in die kleine und in die große Politik eingestiegen. Wer Bilder von Großfackeln aus verflossenen Zeiten zu Gesicht bekommt oder in alten Zeitungsbänden die Schützenfestberichte nachschlägt, sieht Zeitgeschichte und der Zeiten Wandel auch in diesem Neusser Brauchtum dokumentiert.

Zu verschiedenen Zeiten war es üblich, Großfackeln zu prämiieren. Aber davon ist man in Neuss wieder abgekommen. Der Neußer-Bürger-Schützen-Verein unterstützt dagegen den Fackelbau, und zwar jede Fackel, die hinsichtlich Aufbau und Ausführung deren Ansprüchen genügt, mit einem finanziellen Beitrag, zu einen, um den Fackelbauern bei ihren oft nicht geringen Kosten eine Hilfe zu geben, und zum anderen, um das einmalige schützenfestliche Brauchtum zu fördern und zu erhalten.

Neusser Schützen sind, wie in so vielem, auch mit ihrem Fackelbau Vorbild geworden für zahlreiche Orte und Schützenfeste im Land ringsum. Und es ist neidlos anzuerkennen, dass vielerorts die Schützen auch darin eine glückliche Hand haben und beachtliche Leistungen vorweisen können. Die Neusser kann es nur freuen, dass das von ihnen begründetes Brauchtum im heimatlichen Boden so weitreichend Wurzeln geschlagen hat.

Joseph Lange, anlässlich der Ausstellung in der Stadtsparkasse Neuss zum Neusser Bürger-Schützenfest 1985